Alex‘ Gebrauchsanweisung Wein 1.0

Du bist blutiger Anfänger? Du hast keine Ahnung? Aber du möchtest endlich mal in den Genuss von halbwegs vernünftigem Wein kommen?

Wie sehr habe ich mich nach solch einem Artikel gesehnt, als ich die ersten Gehversuche mit Wein unternommen habe. Was ich hier tun möchte, ist euch Geld und Zeit sparen.
Also folgendes Szenario: Ein paar Leute kommen zum Essen vorbei. Gut, das mit dem Kochen klappt so langsam, aber Bier passt irgendwie nicht in die Veranstaltung. Wein ist stark im Kommen und heutzutage trinkt eh jeder pseudoakademische Vorstadthipster ein Gläschen zur Mahlzeit – man kann sich ja nicht lumpen lassen. Auf in den Supermarkt und irgendeinen Wein aus dem Regal gefischt, einen Roten und einen Weißen. Das Auswahlszenario umfasst genau ein Kriterium: das ansprechendste Etikett gewinnt. Mit der Hoffnung etwas Gutes erwischt zu haben öffnet ihr die Flasche und dann…. Joah, kann man trinken. Kann man trinken, das ist sowas wie „ganz nett“ und nett ist der kleine Bruder von Scheisse. Also, warum nicht vor dem Kauf 2 Minuten ins CorkBordell geschaut? Der ein oder andere Tipp wäre mit Sicherheit hilfreich gewesen.

Aber gut, manchmal muss es eben ein Wein auf die Schnelle sein. Gerade als Anfänger oder Spontankäufer bietet hier der Supermarkt eine schier überfordernde Auswahl. Welchen nehme ich jetzt?

Regel Nr. 1: Hoffnung ist keine Strategie.

Blind irgendeinen Wein nach Etikett zu kaufen ist natürlich Quatsch. Diesen Quatsch habe ich früher auch gemacht, ich zeige euch mal meine (zugegeben sehr subjektive) Erfolgsquote:

Den Wein muss ich sofort wegschütten (Note 6): 5%
Der Wein ist mies (Note 5): 20%
Kann man trinken (Note 4): 50%
Ganz nett, mehr aber auch nicht (Note 3): 15%
Oha, überraschend gut (Note 2): 9,5%
Wirklich sehr lecker (Note 1): 0,5%

Erfolgsquote beim Weinkauf im Supermarkt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natürlich ist es immer besser beim Weingut direkt einzukaufen, nichtsdestotrotz muss es eben manchmal der Supermarkt sein. In Anbetracht der relativ schlechten Ausbeute im Edeka & Co habe ich mir einige Gedanken zum Thema Supermarkt gemacht und sammelte so einige erschreckend simple Merkmale, um die Wahrscheinlichkeit massiv zu erhöhen zumindest einen Wein der Note 3 oder sogar besser zu ergattern.

Regel Nr. 2: Rebsortenauswahl ist entscheidend
So, hier wird es jetzt spannend. Im Bereich Weißwein lasst unbedingt die Finger weg von Riesling! Ich wiederhole: FINGER WEG VON RIESLING!! Ich habe erst einen mittelpreisigen Supermarktriesling probiert, der gut trinkbar war – Anselmann Riesling trocken. Meist sind das aber Säureattentate auf Gaumen und Zunge und haben mit vernünftigem Riesling allenfalls das Wort auf dem Etikett gemein.
Am wenigsten versauen können es die Supermarktwinzer bei Weißburgunder. Der ist immer irgendwie trinkbar. Sauvignon Blanc oder Grauburgunder sind auch noch einen Versuch wert, aber wirklich auf gar keinen Fall Riesling. Außer ihr wollt nen Weinschorle machen, das geht auch mit Plörre, da das Ziel ein ganz anderes ist. Der Rausch tritt gegenüber dem Geschmack deutlich in den Vordergrund 🙂

Bei Rotwein wird die Sache etwas schwieriger, da ich die meisten Anfänger mit der Brühe jagen kann. Auch hier gibt es eine goldene Regel: Finger weg von Dornfelder! Ich habe wirklich noch nie, nie, NIE einen Dornfelder aus dem Supermarkt getrunken, der besser als Note 5 war. Gut, ich bin auch sonst kein Verfechter der Rebsorte, aber ein Minimum an Trinkgenuss solltet ihr euch schon gönnen. Zudem würde ich auch keine traditionell südeuropäischen Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Sangiovese oder dergleichen empfehlen. Das sind Weine, die man ein bisschen liegen lassen muss und üblicherweise kommen sie blutjung in die Regale (Säureattentat).
Lieber in einen sanfteren Spätburgunder oder Merlot euer Geld investieren. Klar wird das wahrscheinlich auch nicht die Mega-Bombe sein, aber zumindest keinen akuten Brechreiz verursachen.
Kleiner Rotweintipp für den gewieften Schnäppchenjäger: im Aldi & Co. bspw. gibt es öfter Rotweine, die eine kleine Banderole um den Flaschenhals haben. Meist sind diese Weine hochwertiger als das restliche Sortiment.
Wenn ihr euch mal an Rosé versuchen wollt würde ich die Finger von Weißherbst lassen. Ansonsten sind die Unterschiede nach meiner Erfahrung relativ gering, probiert euch einfach mal durch. Selbst ein Dornfelder Rosé kann durchaus seine Reize haben.

Regel Nr. 3: Die 5€ Regel
Tja, jetzt werde ich wohl einige Illusionen zerstören. Ihr müsst euch folgendes Vorstellen: Der Winzer muss den Wein in eine Flasche abfüllen. Flasche kostet Geld. Korken oder anderer Verschluss muss auch drauf, kostet Geld. Die Flasche brauch noch ein Etikett – Überraschung, kostet Geld. Jetzt muss der Winzer noch seine Mitarbeiter, Marketing, Erntemaschinen und alle anderen Nebenkosten bezahlen UND seinen Lebensunterhalt erwirtschaften.
Der Winzer ist ja nicht blöd und kann 1 und 1 zusammenzählen. Also muss er irgendwo sparen. Flasche, Verschluss, Etikett, Mitarbeiter und Lebenserhaltungskosten kann er nur bedingt kürzen. Wo wird also gespart? Genau: am Produkt.
Der Gedanke des Winzers kann also nur lauten: wie bekomme ich möglichst schnell möglichst viel Wein in meine Flaschen?
Ich will die Sache jetzt abkürzen: Weintrauben für Weine unter 5€ werden in etwa wie folgt verarbeitet. Irgendeine Landmaschine schronzt einmal quer durch den Weinberg und sammelt alles ein, was nicht bei 3 auf dem Baum ist: unreife Trauben, faule Trauben, Blätter, Äste und evtl. die ein oder andere reife Weintraube. Dann fliegt alles zusammen in einen Stahltank und es wird ein bisschen gewartet, bis schließlich „Wein“ rauskommt.
Nach meiner Erfahrung durch Gespräche mit einigen Winzern liegt die magische Grenze tatsächlich bei etwa 5€. Über 5€ beginnen die Winzer Äste und Gestrüpp maschinell auszusortieren und auch ein wenig auf die Traubenqualität zu achten. Kurzum: Ich würde keinen Wein unter 5€ aus dem Supermarkt anfassen. Meine Empfehlung wäre eher ab 6€ aufwärts zu kaufen.
Übrigens: Diese Regel gilt ausdrücklich nicht für Weine, die ihr direkt beim Erzeuger kauft! Ich habe schon durchaus leckere und qualitativ hochwertigere Tropfen im Bereich von 5-6€ auf Weingütern probiert.

Regel Nummer 4: Vergesst andere Regeln
Wenn ihr euch daran haltet nicht blind im Supermarktregal rumzustochern, sondern meine Rebsortenempfehlungen über 5€ zu kaufen, seid ihr für den Anfang schon gut gerüstet. Irgendwelche Zusatzkriterien wie eine Empfehlung nach Herkunftsland auszusprechen ergibt an dieser Stelle wenig Sinn. Probiert euch einfach mal durch und macht euch auf Basis des Artikels erstmal euer eigenes Bild.

Fazit:
Letztlich geben diese Regeln natürlich keine Gewähr, einen befriedigenden Wein im Supermarkt zu finden. Wenn ihr aber mal ein bisschen aufs Etikett schaut, könnt ihr zumindest die Wahrscheinlichkeit einer positiven Überraschung signifikant erhöhen.
In diesem Sinne viel Spaß beim Ausprobieren. Wenn ihr euch den Supermarkt madig gesoffen habt, dann lest Gebrauchsanweisung Wein 2.0 😉

 

Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

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