VDP Weingut Robert Weil

VDP Weingut Robert Weil

Was treibt der gemeine Weinblogger an einem kühl-verregneten Sonntag? Richtig, ich könnte schreiben. Da sich meine Motivation zu diesem Zeitpunkt im Souterrain befand, entschied ich mich für einen gemeinsamen Ausflug mit Agathe. Zu einem Weingut, versteht sich von selbst.

Meine Weinerfahrung im Rheingau wäre mit rudimentär gnadenlos beschönigt. Ich kenne dort im Grunde gar nichts. Balazs war bereits einmal im Rheingau beim VDP Weingut Künstler und ich hatte zumindest mal was von Balthasar Ress gehört, sonst aber tote Hose.

So fuhren wir einfach mal ins Blaue hinein und landeten irgendwie in Kiedrich. Es fühlte sich an, als sei die Zeit dort stehen geblieben, obschon wir uns nur 15km westlich vom Wiesbadener Stadtzentrum befanden. Sonntäglich verschlafen präsentierte sich die enge Hauptstraße gesäumt von alten Häusern, welche zu meiner Überraschung eine erhebliche Menge Weingüter waren. Hier sind wir goldrichtig.
Noch überraschter war ich, dass fast alle Weingüter geschlossen hatten. Ich verstehe das nicht, wann machen die typischen Ausflügler einen Abstecher zum Weingut? Am Wochenende natürlich. Dann lieber am Montag und Dienstag zu machen und die Kohle der Touristen abgreifen. Geld verdienen scheint im Rheingau keine Priorität zu haben.

Doch wir hatten Glück. Das Tor eines Eckgrundstücks stand einladend offen und wir fuhren auf den Parkplatz des Anwesens von VDP Weingut Robert Weil. Ganz schön weitläufig der Laden, Robert Weil scheint eine große Nummer im Rheingau zu sein.

Robert Weil Rieslinge
Ein schmaler Pfad führte uns zum Verkostungsraum, der äußerlich verglast war in mintgrünen Fensterrahmen. Irgendwie passte das nicht so recht zu einem Weingut. Innen angekommen vermittelte der Raum eher Schwimmbadatmosphäre, als vinophile Gemütlichkeit. Um dies noch zu unterstreichen plätschert zentral ein Tischbrunnen vor sich hin. Robert Weil scheint zumindest konsequent zu sein.
Schon fast wieder im Begriff zu gehen, begrüßte uns eine junge Dame am Empfang und sofort kippte das anfänglich kühle Ambiente. Super freundlich, aufgeschlossen und präzises Wissen über die Weine von Robert Weil sind Prädikate, die uns in der folgenden Stunde an den Tresen fesseln sollten. Man hatte bei ihr einfach das Gefühl, dass hier ein Mensch serviert, der vollends hinter den Erzeugnissen von Robert Weil steht. Notiz an mich: urteile niemals zu früh.

Als ich auf die Weinliste blickte war ich schon wieder überrascht. In meiner Erwartungshaltung, sicherlich durch pfälzer Weingüter beeinflusst, gibt es auf Weingütern immer verschiedene Weißweinsorten und auch diverse Rotweine. Nicht so hier, es gibt ausschließlich Riesling und wirklich gar keine Alternative. Konsequenz ist bei Robert Weil offenbar eine Tugend.

Meine Meinung zu Riesling war bis vor kurzem noch gespalten. Ich mochte es lieber etwas runder und reifer, als diese ätzenden Anschläge auf den Gaumen. Doch das VDP Weingut Meßmer  hatte mich Ende letzten Jahres eindrucksvoll eines besseren belehrt.

Robert Weil Riesling

Dann mal her mit dem guten Stoff, dachte ich mir, als wir uns die VDP Hierarchie durchprobierten. Wir begannen mit dem VDP Gutswein Rheingau Robert Weil Riesling trocken und schon hier zeichnete sich ab, dass wir es mit hervorragenden Rieslingen zu tun hatten. Da ich es aus der Pfalz nicht gewohnt bin, hat mich anfänglich die richtig knackige Säure ein wenig gestört, aber spätestens beim Ortswein hatte ich mich hineingetrunken. Einen detaillierten Verkostungsbericht hierzu werde ich noch veröffentlichen.
Als mir die Dame vorschlug, auch noch die Spätlesen zu probieren, war ich kurz davor mich zu weigern. Süße und Wein geht bei mir, mit Ausnahme von bestimmten Gerichten, eigentlich gar nicht. Spätestens seit meiner Erfahrung bei Weingut Leiling und seinem Le Beau  sollte ich auch hierbei eines besseren belehrt sein. Alla gut, schenken Sie halt mal ein Schlückchen ein.

Ich durfte drei Spätlesen probieren, zwei davon waren Große Gewächse. Meine Erfahrung mit Spätlesen bislang lassen sich in 2 Worte zusammenfassen: übertriebene Süße – so war auch meine Erwartungshaltung. Klar hatten sie eine tolle Frucht in der Nase, aber man konnte erahnen, dass der Zuckerschock im Mund folgen sollte.

Alex der alte Trinker

Selten habe ich mich derart verschätzt. Nach dem ersten Schluck musste ich es laut aussprechen: wow. Unfassbar, aber die Spätlesen waren der Knaller. Die von mir anfänglich monierte harte Säure ergänzt die Süße nahezu in Perfektion. Selten hatte ich ein derart ausgewogenes Zusammenspiel aus Frucht, Süße und Säure im Mund. Und das gilt für alle drei Spätlesen.

Kein Wunder, dass bei dieser Qualität im Rheingau fast 80% der Rebfläche mit Riesling bepflanzt wird. Ich werde nach der Erfahrung mit dem Weingut Robert Weil wohl nicht drum herum kommen, einige weitere Rieslinge aus dem Rheingau zu probieren. Im Gegenteil – jetzt habe ich Blut geleckt. Übrigens: kurz bevor wir uns wieder auf den Heimweg machten, fragte ich die sympathische junge Dame, ob sie denn mit mir den Job tauschen wolle. „Auf keinen Fall.“ entgegnete sie lächelnd, aber energisch. Das spricht für sich.

 

Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

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