Welches Glas für welchen Wein und warum?

Welches Glas für welchen Wein und warum?

Ein dicker Bauch kann sexy sein.

Spaziert man mal völlig unbedarft durch die Küchenabteilung eines Kaufhauses, stellt man schnell fest, es gibt ein verdammt großes Angebot an Weingläsern.
Von dick und rund bis schlank und elegant ist alles dabei. Teilweise sind es richtig stylische Exemplare, die einen da anspringen. Doch welches Glas ist für welchen Wein das Richtige? Und was ist ein Weinglas eigentlich? Einfach nur ein Trinkbehälter, ein Funktionsgegenstand oder sogar ein Designaccessoire?
Ich würde sagen, von allem ein bisschen. In erster Linie benutzt man es zum Trinken, es verleiht dem Wein auch den letzten Feinschliff und im Idealfall sieht das Teil auch noch geil aus.
Das Glas ist für den Wein in etwa wie das Kleid für die Frau, eine hübsche Frau wird durch das falsche Kleid nicht hässlich, in dem Richtigen jedoch zum Traum!

Bevor ich mich tiefer mit dem Thema Wein auseinandergesetzt habe, war das Hauptkriterium für den Kauf eines Weinglases das Design und der Preis. Welchen Wein ich daraus trinken wollte, spielte überhaupt keine Rolle. Die Weine, die ich damals trank, waren größtenteils Plörre aus dem Supermarkt. Ich glaube, selbst mit den perfekt darauf abgestimmten Gläsern wären diese 2,99€ Weine nicht zu retten gewesen. Von daher habe ich mir zumindest nichts kaputt gemacht.
Welches Glas für welchen Wein das richtige ist war mir also völlig schnuppe. Inzwischen weiß ich es glücklicherweise besser und habe mir entsprechende Weingläser besorgt.

Ganz grob unterscheidet man zwischen Rot- und Weißweingläsern.

Rotweingläser haben typischerweise einen wesentlich größeren Umfang als Weißweingläser, diese sind eher schlank gehalten. Warum das so ist, lässt sich ganz einfach erklären. Die allseits bekannte These, dass der Wein mit dem Alter besser wird, bezieht sich in den meisten Fällen auf Rotweine. Der Alterungsprozess eines Weines wird beschleunigt, wenn er frischer Luft ausgesetzt wird. Das ist gemeint, wenn man sagt, der Wein muss atmen. In einem runden, bauchigen Glas hat die Oberfläche des Weins reichlich Kontakt mit der Luft. Er kann also ordentlich atmen und somit seine volle Reife entfalten. Ein Weißwein hat das typischerweise nicht so nötig, deshalb sind die Gläser deutlich schlanker.

Wer das beachtet, ist schon einen ganzen Schritt weiter. Dem 08/15 Weintrinker reicht dieses Wissen oft auch schon. Für die Perfektionisten unter euch geht es jedoch weiter.
Denn für die unterschiedlichen Rebsorten gibt es oft speziell darauf abgestimmte Gläser. Was erstmal völlig schwachsinnig klingt, macht bei genauerer Betrachtung jedoch absolut Sinn.
Jede Rebsorte hat seine typischen Aromen und Eigenheiten. Rieslinge zum Beispiel riechen oft nach Zitrusfrüchten, grünen Äpfeln und Ähnlichem. Das macht sich auch im Mund bemerkbar. Das richtige Glas sorgt dafür, dass sich genau diese Aromen perfekt entfalten können. Zudem ist das Riesling Glas so geformt, dass der gute Tropfen dort im Mund ankommt, wo die sortentypischen Aromen am intensivsten wahrgenommen werden. Bei einem mit knackiger Säure protzendem Riesling sind das die hinteren Außenteile der Zunge (siehe Abbildung). Dort sitzen nämlich die Geschmacksnerven, welche die sauren Geschmacksaromen erfassen.

Geschmacksnerven auf der Zunge - Welches Glas für welchen Wein
Geschmacksnerven auf der Zunge

Ein Chardonnay hingegen ist deutlich „runder“ und weicher als ein Riesling. Oft kommen darin auch Aromen tropischer Früchte zum Vorschein. Säure ist zwar vorhanden, spielt allerdings nicht die erste Geige. Deshalb sind Chardonnay Gläser auch anders aufgebaut. Sie sind bauchiger und haben eine weite Öffnung. Dies hat zur Folge, dass man, um einen Schluck zu nehmen, das Glas nur ein wenig anheben muss. Der Wein trifft dadurch direkt auf den vorderen Bereich der Zunge. Das ist der Bereich, in dem eher süße Geschmackstöne erfasst werden. Aus diesem Grund sind diese Gläser auch perfekt für Süßweine oder Spätlesen jeglicher Art geeignet.
Es gibt also grundlegend zwei Faustformeln, um sich zu merken, welches Glas für welchen Wein am besten geeignet ist:

  1. Rotweingläser haben generell einen größeren Umfang als Weißweingläser, damit der Wein besser atmen kann.
  2. Knackige, säurebetonte Weine gehören in schlanke Gläser. Fruchtige, weiche Weine in bauchigere Gläser. So findet der Wein automatisch den richtigen Punkt auf der Zunge, um perfekt geschmeckt zu werden.

Ich persönlich habe zwei Glastypen im Einsatz. Einmal  dieses Rotweinglas von Schott Zwiesel (gibt es HIER zu kaufen).

Welches Glas für welchen Wein - Burgunderglas
Rotweinglas von Schott Zwiesel

Es ist sehr bauchig und perfekt für Pinot Noir / Spätburgunder und ähnliche, fruchtbetonte Rotweine geeignet. Der Wein hat reichlich Kontakt mit der Luft und kann dadurch super atmen. Zudem sieht das Glas noch ziemlich geil aus, perfekt. Durch die Größe des Glases machen sich darin die ganzen Aromen des Weins breit und man hat mächtig Spaß beim Schnüffeln. Aus diesem Glas trinke ich auch weiche, fruchtbetonte Weißweine wie Chardonnay. Das ist sicherlich nicht die 100% Lösung, aber ich finde, man muss die Kirche auch mal im Dorf lassen. Als Privatmann, der Wein am Liebsten in Gesellschaft genießt, möchte ich mir kein riesen Arsenal an Gläsern zulegen. Das ist für mich ein guter Kompromiss.

Dann habe ich noch schlankere Rotweingläser von Leonardo (gibt es HIER zu kaufen). Aus diesen trinke ich säurebetonte, knackige Weine. Sowohl Weiße (z.B.: Rieslinge), als auch Rote (z.B. Cabernet Sauvignon). Hier wird der Weinnerd vielleicht die Hände über den Kopf schlagen und sagen, das geht noch besser. Aber wie gesagt, der Platz in meiner Vitrine ist beschränkt. Da ich eher der Rotweintrinker bin, mache ich bei den Weißweinen eben Kompromisse, kann aber trotz der Kompromisse möglichst viel aus den Weinen rausholen.

Welches Glas für welchen Wein - Rotweinglas von Leonardo
Rotweinglas von Leonardo

Da beim Weinglasthema teilweise regelrechte Glaubenskriege ausbrechen, welches Glas für welchen Wein nun das Beste ist, solltet ihr immer einen kühlen Kopf bewahren und bei all dem Geplapper das Wichtigste nicht vergessen:

Lieber einen mittelmäßigen Wein aus den falschen Gläsern mit den richtigen Leuten, als einen guten Wein aus den richtigen Gläsern mit den falschen Leuten.

Cheers.

 

Corkbordell Balazs Autor: Balazs

Profil

aktueller Alltagswein: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
aktueller Lieblingswinzer: Weingut Jülg / Pfalz

Weintipps von Balazs

 

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