Stippvisite in der Provence Teil 3

Geheimtipp im Chateauneuf du Pape

Die fabelhafte Welt des Châteauneuf-du-Pape.

So stelle ich mir das vor. Einen Proberaum im eigentlichen Sinne gibt es nicht, stattdessen fanden wir uns inmitten des Weinkellers zwischen Barriquefässern, Stahltanks und einer Abfüllmaschine wieder. Die Weine sollte ich öffnen und einschenken, Frédéric’s Mutter hat nur dirigiert. Probiert wurde auf einem alten ausrangierten Holzfass, das seine besten Zeiten schon lange hinter sich hatte. Der Moment, in dem sie mich wirklich überrascht hat, war als sie ein drittes Glas forderte, damit sie einen mitpicheln kann. Die Dame schien unsere Visite nun doch zu begrüßen.
Wir begannen mit dem Côtes du Rhône Cuvée „Le fabouleux destin d’Amélie“ (Die fabelhafte Welt der Amélie). Ich schenkte ein Schlückchen ein, woraufhin Frau Boutin mir die Flasche mit strafendem Blick aus der Hand nahm und uns Dreien einen ordentlichen Schluck nachschenkte. Das war’s also mit meinem guten Image, die Ausländer sind wohl zu knickrig.

Die Rebsorten in den Côtes du Rhône-Cuvées sind für den deutschen Durchschnittsweintrinker eher unüblich. Im Bereich Rotwein dominiert die Grenache-Traube, gefolgt von Mourvèdre und Syrah. Bei den Weißen sind es Clairette, Marsanne, Roussanne und Viognier.
Bleiben wir aber bei den Roten. Somit unterscheidet sich die Côtes du Rhône erheblich vom klassischen Bordeaux Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon und der Bourgogne, die ausschließlich Pinot Noir anpflanzt. Und das schmeckt man auch.

chateauneuf du pape Geheimtipp Le fabouleux destin d'Amélie

Amélie kommt mit einer tollen Frische aus Grenache und Mourvèdre daher, die man im Bordeaux vergeblich sucht. Wir reden hier von einem Tafelwein für unter 10€, der mit vielen ü10€ Weinen locker mithalten kann. Es ist verblüffend, wie die Grenachetraube es schafft, dem Wein das Gewicht eines Profiboxers und die Frische eines Sommerregens zu verleihen. Dabei ist Grenache, ähnlich dem Merlot, angenehm weich. Sowas gibt es eigentlich gar nicht. Mourvèdre sorgt für die nötige Frucht, die den Wein unverkennbar in die Ecke Côtes du Rhône rückt. Leichtfüßig sieht natürlich anders aus, doch diese Kombination macht ihn in puncto Südfranzösische Rotweine zum besten Allrounder.
Schon der Geruch erinnert an Himbeerkonfitüre, die man für einen Moment in den Toaster gesteckt hat. Klar geht das nicht, aber riecht halt so. Im Mund dominiert zunächst die frische rote Frucht der Mourvèdre, wird aber recht bald vom samtigen Grenache übertrumpft. Ein tolles Weinchen für kleines Geld, welches man so nicht jeden Tag im Glas hat.

Châteauneuf-du-Pape nennt sich der große Bruder von Amélie und er ist wirklich verdammt groß.
Das Grundgerüst des Bruders gleicht nahezu dem seiner Schwester. 70% Grenache werden im Zusammenspiel mit je 10% von Syrah, Cinsault und Mourvèdre zu einem Cuvée der Extraklasse.
Dabei ist er ein Vielfaches konzentrierter als seine kleine Schwester. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht: Ein Schluck Amélie nach einem Glas Châteauneuf schmeckt fast wie Wasser – Wahnsinn.

Geheimtipp Chateauneuf du Pape

Mal die Nase in den Châteauneuf reinhalten und schon wird mir wohlig ums Herz. Der Geruch gleicht reifen, nein fast schon überreifen Früchten und Cassis. Ich kann es kaum erwarten zu probieren, aber Frau Boutinière, so nett sie auch sein mag, ist leider unendlich langsam. Sie erzählt irgendeine mittelinteressante Anekdote, worauf Papa auch noch mit Freude eingeht und ich will doch verdammt noch mal nur probieren . Ach egal, der Ruf ist ohnehin schon ruiniert, also rein in den Schlund.
Tiefrote Frucht mit einer Idee Balsamico Dressing macht sich im Mund breit. Als wäre das nicht erstaunlich genug, setzt der Wein noch einen drauf. Samtig weich läuft er die Kehle hinunter, um dann mit Frische zu kontern. Und kein Scheiß: fünf Minuten später hatte ich immer noch dieses empörend betörende Erlebnis im Mund. Solltet ihr noch nie einen echten Châteauneuf im Glas gehabt haben, dann kauft euch einfach mal einen  beim Fachhändler , diese Erfahrung werdet ihr nicht vergessen.

Nach dieser Offenbarung hatten wir sowohl einen kleben, als auch Hunger. Ab zurück nach Avignon und ein nettes Restaurant suchen. Da wir mitten in der Altstadt untergebracht waren, konnten wir schlecht mit dem Auto zum Ziel gelangen und es wäre ohnehin halb illegal gewesen. Drum ließen wir uns vom Tripadvisor inspirieren, der uns den Weg zum nahegelegenen Restaurant des Teinturiers wies. Glockenklare Empfehlung: ein Menu dieser Qualität für 33€ darf man getrost als Schnäppchen bezeichnen.

So neigten sich drei wundervolle Tage dem Ende und wir diskutierten noch bei einer Flasche Amélie, wohin der kommende Weintrip führen sollte. Papa und ich waren uns recht schnell einig, dass der Bordelais noch recht unerforscht ist.

 

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Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

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