Trinkt mehr deutschen Wein!

Liebeserklärung an deutsche Weine

Sei schlau, trink Deutsch.

„Deutschland, das komplette Anbaugebiet.“ – das war die kurze Antwort von Johannes Jülg auf die Frage, was aus seiner Sicht in der Weinwelt maßlos unterschätzt wird. Gefolgt von einer Offensive: „Frankreich muss sich in Zukunft warm anziehen, die deutschen Weine hinken geschmacklich längst nicht mehr hinterher, im Gegenteil, sie sind jetzt schon zum Teil deutlich besser.“
Ich muss sagen, ich sehe es genauso.

Natürlich gibt es in der Weinwelt, genau wie in allen anderen Bereichen auch, irgendwelche Nerds, die wirklich alles über Wein wissen. Den Kollegen brauche ich nicht viel von deutschen Weinen zu erzählen, sie wissen, wie grandios sie sind.
Es ist viel mehr der 0815 Weintrinker da draußen, der dem deutschen Wein fahrlässig die kalte Schulter zeigt. Der Normalo will gefälligst was „Gutes“ aus Frankreich, Italien oder vielleicht noch aus Spanien, aber bloß nicht aus Deutschland, das kann nichts sein. Es sei denn, der Preis stimmt. Für 1,99€ im Discounter geht man das Risiko dann doch ein und greift zu einem deutschen Wein. Die innere Bestätigung folgt sofort, der Wein kann nichts. Die Ursache ist klar, er kommt aus Deutschland, dass man für 1,99€ keinen grandiosen Wein erwarten kann, spielt dabei keine Rolle.

Beim nächsten Gang in den Supermarkt ist der gemeine Weintrinker schlauer und greift zu einem guten Franzosen für 3,99€. Auch hier folgt die Bestätigung rasch, der ist deutlich besser, ist ja auch aus Frankreich. Der Preis, der schlichtweg doppelt so hoch war, spielt auch dieses Mal keine Rolle.
Ein Weinhändler aus Heidelberg hatte mir mal erzählt, dass Kunden, auf der Suche nach einer Weinempfehlung, deutsche Weine zum Teil strikt ablehnen. Sie wollen noch nicht einmal probieren. Doch warum traut der Laie deutschem Wein nicht über den Weg?

Deutscher Wein schmeckt super

Ich denke, das hat mehrere Gründe. Zum einen muss deutscher Wein in den 70ern und 80ern (bis auf wenige Ausnahmen) wirklich schlecht gewesen sein. In dieser Zeit war wohl eher Masse statt Klasse angesagt. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, das war vor meiner Zeit. Haftet das Image von damals immer noch an den heimischen Winzern?
Auf der anderen Seite gehörten deutsche Rieslinge vor knapp 100 Jahren zu den teuersten Weinen der Welt. Das weiß doch heutzutage keine Sau mehr, geschweige denn, dass es jemanden interessiert.

Ich muss gestehen, selbst als ich an dem Punkt war, an dem ich mich dem Sündenpfuhl Wein hingegeben habe, wollte ich anfangs auch nichts von deutschem Wein wissen.
Für mich war Wein ganz klar etwas, dass es in guter Qualität nur in Frankreich und Italien gibt. Genauso, wie man gutes Bier nur in Deutschland bekommt (das weiß doch schließlich jeder).
Deutschland war in meinen Augen einfach kein Weinland.

Trinkt mehr deutschen Wein

Denkt man an Frankreich oder Italien, dann denkt man zwangsweise auch an fröhliche Menschen beim Weintrinken. Alte Männer, die am Straßenrand sitzen und sich ein Gläschen Wein gönnen. Sie haben kaum noch Zähne im Mund, doch was sie haben, ist gute Laune und Lebensfreude. Das muss einfach gutes Zeug sein, was sie da in sich reinkippen und das am liebsten bei jeder Gelegenheit.
Beim Gedanken an deutsche Weintrinker sah ich vor meinem geistigen Auge eher Schlipsträger und Schnösel, die bei einem elitären Zusammenkommen an einem edlen Tropfen nippen. Das war mir irgendwie suspekt und hatte mit der oben beschriebenen Lebensfreude, die Wein für mich verkörperte, rein gar nichts zu tun.
Dass mein Bild der deutschen Weinszene völliger Humbug war, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich bin mir jedoch sicher, dass es maßgeblichen Einfluss auf meine Vorliebe für französische und italienische Weine hatte.

Außerdem klangen sie deutlich attraktiver und edler. Hatte ich die Wahl zwischen einem Spätburgunder oder einem Pinot Noir, gab es kein langes Überlegen, ich griff zum vermeintlich feinen Pinot Noir. Dass es sich um die gleiche Rebsorte handelt, wusste ich noch nicht mal. Die Liste der sexy französischen und italienischen Rebsortennamen und deren prüde klingende deutsche Verwandtschaft ist gefühlt ewig lang. Ich bin mir sicher, das spielt bei der Kaufentscheidung des Weinlaien durchaus eine Rolle.

Inzwischen, da bin ich echt froh drum, trinke ich fast nur noch deutsche Weine. Nicht etwa, weil es Nachhaltiger ist oder ich der „buy local Fraktion“ angehöre, nein, weil deutsche Weine einfach geil sind. Die Weinmacher hierzulande setzen inzwischen massiv auf Qualität und nicht, wie noch vor ein paar Jahrzenten, auf Masse.
Die Generation Winzer, die aktuell am Ruder sitzt, leistet grandiose Arbeit. Sie ist bestens ausgebildet und folgt nicht blind dem Credo „das haben wir schon immer so gemacht“. Bevor die jungen Weinmacher im elterlichen Weingut das Sagen haben, reisen sie durch die Weinwelt und lernen von den Besten. Sie machen Praktika in Topweingütern, studieren Önologie und kommen vollgepackt mit neuen Erkenntnissen und Ideen zurück ins elterliche Weingut. Das Erlernte bringen sie dann in Einklang mit den regionalen Gegebenheiten und der teils jahrhundertelangen Familientradition. Heraus kommen fantastische Weine von internationalem Format, die all das verkörpern, was man sich von einem Wein erhofft: Lebensfreude, Charme, Spaß und Genuss. Das alles, ohne die eigenen Wurzeln zu leugnen.

Winzerromantik

Hinzu kommt, dass deutsche Weine dank geschicktem Marketing und ansprechendem Etikettendesign endlich sexy sind. Das Auge trinkt schließlich mit und auch der beste Tropfen staubt im Regal ein, wenn selbst mit viel Fantasie nichts Gutes hinter einem prüden Etikett vermutet werden kann (ich gebe zu, hier gibt es Ausnahmen).
Ich kann jedem nur empfehlen, spaziert in ein Weingut und verkostet das Sortiment. Ihr braucht dabei keine falsche Scheu zu haben, es warten ganz normale Menschen auf euch. Kein edler Haufen, der nichts mit dem Fußvolk zu tun haben will. Im Gegenteil, bisher hat sich jeder Winzer über meinen Besuch und meinem Interesse an seinen Weinen gefreut. Obwohl ich grade zu Beginn offen gestanden habe, dass ich von alldem eigentlich keine Ahnung habe. Als Belohnung durfte ich fast ausschließlich richtig gute Weine kennenlernen.

Ich muss euch jedoch warnen, solche Winzerbesuche machen ganz schnell süchtig. Ich meine jetzt nicht die Gefahr durch Alkohol, sondern die Neugier, die in euch geweckt wird. Mir fällt es inzwischen schwer, einfach so durch ein Weinanbaugebiet zu fahren. Meistens halte ich, wenn auch nur ganz kurz, doch mal schnell bei einem Winzer an und schaue, was es dort Feines gibt. Oft sind wahre Schätze darunter und das, liebe Freunde, befeuert den Jagdinstinkt umso stärker.

Wem das zu aufwendig ist, empfehle ich einen Gang zu einer gut sortierten Weinhandlung. Bitte rennt nicht in den nächsten Supermarkt. Die wenigsten Supermärkte haben wirklich gute Weine, dort wird überwiegend Massenware angeboten (falls ihr mal nicht drum herum kommt und kurzfristig Wein im Supermarkt kaufen müsst, lest vorher diesen Artikel).
Lasst euch von einem Fachhändler beraten und ihr werdet schnell merken, zu den deutschen Weinen hat euer Dealer meistens ein paar nette Anekdoten auf Lager. Wo hat er ihn entdeckt, was macht ihn so besonders, was ist der Winzer für ein verrückter Vogel usw. Man kennt sich halt.
Ausländische Weine hingegen findet der Händler meistens auf anonymen Messen. Da gibt es nur selten interessante Backroundinfos, die, so finde ich, den Weinen einfach noch ein bisschen mehr Charme verleihen.

Anders verhält es sich, wenn ich im Ausland bin. Da wird natürlich auch gejagt, um die regionale Weinwelt zu entdecken. Selbstverständlich beim Winzer vor Ort und die besonderen Fundstücke kommen dann samt den dazugehörigen Anekdoten mit zu mir nach Hause. Wie zum Beispiel bei meinem letzten Korsika Urlaub, aber lest selbst: Wein auf Korsika.

 

Corkbordell Balazs Autor: Balazs

Profil

aktueller Alltagswein: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
aktueller Lieblingswinzer: Weingut Jülg / Pfalz

Weintipps von Balazs

 

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