Wie trinke ich große/ alte Weine?

Chateau Figeac 1977

Wer das nötige Kleingeld hat, dem wird dieser Artikel wahrscheinlich ziemlich Wurscht sein. Balazs und ich leisten uns allerdings nicht jeden Tag den Über-Wein, daher wird vor dem Genuss ausgiebig recherchiert. Gerade bei großen Weinen lohnt sich der Aufwand sicherlich. So etwas habe ich schließlich nicht jeden Tag im Glas und entsprechend gebührend möchte ich mit dem Wein auch umgehen.

Tatsächlich hatten wir die Gelegenheit zwei Flaschen 1977er Château Figeac Premier Grand Cru Classé zu ergattern. Große Worte machen ihn nicht unbedingt zu einem großen Wein, wäre da nicht die Bordeaux-Klassifizierung. Dieser Wein gehört unter die 17 höchstklassifizierten Bordeaux, welche östlich der Gironde erhältlich sind. Das allein lässt mein Herz schon höher schlagen – jetzt ist der Stoff aber auch noch 40, in Worten vierzig, Jahre alt! Ach. Du. Scheiße.

Solch alte Flaschen von großen Weingütern zu kaufen ist sicher nicht risikofrei. Zum einen könnte der Wein bei schlechter Lagerung schon längst Essig sein, Kork haben oder tatsächlich auch gefälscht sein. In diesem Fall hatte ein User in der Facebookgruppe „Weinkellerauflösung“ den Château Figeac angeboten und wir nahmen Kontakt auf. Er hatte ihn bereits verkostet und eine authentische Rezension über den eher unbeliebten Jahrgang verfasst. Zudem hat er detailliert erklärt, woher der Wein kam und wie er gelagert wurde. Letztendlich muss das Gefühl entscheiden, ob der Verkäufer glaubwürdig ist. Für uns war er es.

Korken schimmelt bei altem Wein

Nun habe ich den Wein in der Hand, und jetzt? Sofort aufreißen und ins Glas damit?

Ich habe bereits von vielen Winzern gehört, dass man Weine generell nach dem Transport zur Ruhe kommen lassen sollte. Nach meiner Erfahrung habe ich bislang keinen Unterschied ausmachen können, egal ob ich den Wein direkt aus dem Keller oder nach einer längeren Autofahrt verkostet habe.
Dies gilt aber nicht für alte Rotweine. Üblicherweise bilden sich über die Jahre Ablagerungen und Weinstein (kurz Depot), die sich während des Transports wieder schön in den Wein hineinarbeiten, den Wein trüben und in der Folge ein Stück Genuss verloren geht. Daher empfehle ich den Wein mindesten 2-3 Tage ruhen zu lassen, bevor du ihn öffnest.

Doch halt, welche Temperatur sollte mein Château Figeac denn haben? Während der Kenner leichtere Rotweine à la Pinot Noir recht kühl bei 14-16°C trinkt, dürfen es bei schweren und alten Weinen wie Bordeaux gerne 18-20°C sein, also knapp unter Zimmertemperatur. Aber mal ehrlich, normale Zimmertemperatur ist auch völlig in Ordnung, ich stelle meine Weine selten noch einmal kurz in den Kühlschrank, bevor ich ausschenke.

Wenn das Depotproblem beseitigt ist und die Temperatur für dich in Ordnung ist, kannst du also endlich die Pulle aufmachen. Aber mit was öffnen? In 97% aller Fälle empfehle ich ein richtiges Sommeliermesser, das Teil ist einfach und sehr gut. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass auch der Korken 40 Jahre auf dem Buckel hat. Wenn du mit einem klassischen Sommeliermesser zu Werke gehst, riskierst du, dass der Korken zerbröselt oder gar abreißt. Zugegeben, mir ist das auch schon öfter passiert

Um dem entgegenzuwirken gibt es ein völlig unterschätztes Werkzeug: den Spangenkorkenzieher. Keine Ahnung warum diese Korkenzieher so unbekannt sind, denn die Anwendung ist einfach und vor allem super effizient, vor allem für ältere Korken. Wie ein Spangenkorkenzieher (auch Klingenkorkenzieher genannt) funktioniert siehst du hier. Von allem anderen Schnickschnack rate ich ab.

alte Weinkorken brechen

Dekantieren oder nicht?

Dies ist ein Thema, welches oftmals höchst kontrovers diskutiert wird.
Hierbei ist es nützlich zu wissen, was ein Dekanter überhaupt tut. Dazu gibt es drei Lager, die jeweils auf ihre Meinung beharren.

Lager 1 behauptet, dass der Wein mit Sauerstoff in Berührung kommt und sich somit die Aromen besser entfalten.
Lager 2 ist der Meinung, dass sich durch das Dekantieren genau gar nichts ändert, es also kurz gesagt sinnlos ist.
Lager 3 warnt sogar vor dem Dekanter, da er dem Wein eher schadet als nutzt.

Also was tun? Vor dem Hintergrund, dass der Dekanter oft benutzt wird, um zu junge Weine künstlich altern zu lassen, würde ich einen 40 Jahre alten Wein eher nicht dekantieren. Im schlimmsten Fall wird er durch übermäßige Sauerstoffzufuhr eher schlechter. Ich werde die Flasche zwei Stunden vor dem ersten Schluck öffnen und damit ist‘s auch gut. Übrigens: wann euer Wein zu jung oder zu alt ist, müsst ihr leider im Einzelfall recherchieren. Bei Spitzenweinen gibt es hierzu auf einschlägigen Seiten genug Infos, sodass ihr euch einen guten Überblick verschaffen könnt. Letztlich gilt es selbst auszuprobieren, was am besten schmeckt.

Einen Vorteil hat der Dekanter allerdings: er trennt den Wein vom Depot, welches beim Trinkgenuss stören könnte.

Kommen wir zum Finale, dem Glas. Eine gängige Annahme ist, je größer und bauchiger das Glas, desto besser kommen die Aromen zur Geltung. Aber auch hier gilt es nicht zu übertreiben. Ich hatte vor geraumer Zeit das Privileg einen gereiften Barolo in 7 verschiedenen Gläsern verkosten zu dürfen und das voluminöseste Glas war keineswegs das beste . Ich würde zu einem großen, nicht aber übergroßen Glas tendieren, so wie diesem hier.

Letztlich kommt es natürlich auf deine persönlichen Vorlieben an, aber ich denke dieser Artikel ermöglicht dir einen guten Start in die Welt der großen Weine. So, jetzt bin ich richtig gespannt wie so ein 1977er Château Figeac Premier Grand Cru Classé schmeckt. Ich werde berichten.

Quellen: https://glossar.wein-plus.eu/dekantieren

 

Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

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