Collectif Anonyme

Collectif Anonyme - Weingut in Port Vendres

Wenn dein Dealer dich zu einem Weingut schleppt.

Dieses Jahr ging es für den Sommerurlaub nach Südfrankreich in die Nähe von Perpignan. Perfekt für eine groß angelegte Weinverkostungstour mag man meinen, aber irgendwie hatte ich darauf keine Lust.

Nach den Erfahrungen aus dem letzten Korsika Urlaub weiß ich, dass das auch enttäuschend sein kann und vor allem viel Zeit in Anspruch nimmt. Zeit, die ich am Strand verbringen könnte.
Deshalb habe ich mir für den Urlaub einfach ein paar heimische Weine eingepackt, große Weine, denn Urlaub ist ja etwas Besonderes.

Wie der Zufall so wollte, hat Christian von „DEALER DE VIN“ seinen Sommerurlaub zur selben Zeit ganz in der Nähe verbracht. Wir haben schon im Vorfeld vereinbart, dass ein gemütliches Treffen auf jeden Fall drin sein muss.

Es dauerte nicht lange und wir haben per WhatsApp Nägel mit Köpfen gemacht, also das Wann und Wo geklärt. Christian erzählte mir, dass er eh ein Weingut ganz in meiner Nähe besuchen wird und ob wir das nicht verbinden wollten . Wenn so ein Vorschlag vom Weindealer deines Vertrauens kommt, sollte man das niemals ausschlagen. Natürlich war ich dabei und vor allem neugierig, was er sich da rausgesucht hat.

Collectif Anonyme heißt der Laden. War ja klar, dass er nicht mit irgendeinem französischen Standardweingut á la „Domaine Schlag mich tot “ oder „Château wir sind die Geilsten hier“ um die Ecke kommt. Eine kurze Recherche vorab zeigte mir schon, dass mein Instinkt, Christians Vorschlag nicht abzulehnen, genau richtig war.

Collectif Anonyme

Collectif Anonyme ist nicht einfach nur ein Weingutsname, nein, es ist eine Philosophie. Auf der Webseite halten sich die Weinmacher bedeckt. Es ist ein Kollektiv aus Biowinzern, von denen keiner im Mittelpunkt stehen möchte. Warum? Hier zitiere ich einfach mal von der Webseite:

„Ihr müsst nur einen Blick in ein Weinmagazin werfen um festzustellen, dass die häufigste Darstellung in der Weinproduktion der „ein Mann“ Diskurs ist, oder in letzter Zeit, „eine Frau“.
Diese 1-D Geschichte, die allgemein die Leidenschaft, Kreativität, Vision, Liebe zum Detail, übermenschliche Fähigkeit des Genies, meist des Eigentümers oder Winzers betont, ist einfach ein Mythos und deutet die dahinterstehende Macht und Hierarchie an. Während wir nicht leugnen, dass Individuen viel beitragen, möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass Wein, wie fast jedes Produkt, gemeinschaftlich produzierten wird. Es ist nie die Frage eines Einzelnen. Außerdem trägt die Sterotypisierung von Individuen nicht zu Transformation der Gesellschaft bei.“

Collectif Anonyme sieht sich zudem als eine Art Non-Profit Organisation, in der jeder Mitarbeiter dasselbe verdient und alle Gewinne reinvestiert werden.

Dass man als Bioweingut keine Pestizide usw. verwendet ist klar, doch geht man bei Collectif Anonyme noch einen Schritt weiter. Sie verzichten auch weitestgehend auf moderne Produktionstechniken, die Trauben werden noch natürlich, mit Händen, Füßen und einer kleinen mechanischen Presse verarbeitet. Den Weinen werden außer einem Minimum an Sulfiten nichts hinzugesetzt. Es handelt sich also um Wein in seiner ursprünglichsten Form.

Nachdem ich all das wusste und die durchaus ansprechenden Weinflaschen online gesehen hatte, wollte ich eigentlich gar nicht mehr warten. Am liebsten hätte ich mich direkt ins Auto gesetzt und wäre hingefahren. Einen Tag musste ich mich jedoch noch gedulden, ich war ja verabredet und seinen Dealer sollte man besser nicht hintergehen.

Als es dann am folgenden Tag endlich soweit war, stellte sich heraus, dass von dem Kollektiv verschiedener Biowinzer nur noch einer übrig geblieben ist: Kris. Anonym will er trotzdem bleiben, denn die Weine sind seiner Ansicht nach weiterhin das Ergebnis der Arbeit mehrerer Menschen.

Collectif Anonyme und DEALER DE VIN
Mein Dealer und sein Koch.

Kris war mir von Anfang an sympathisch, ein Punk der alten Schule. Von Kopf bis Fuß tätowiert, schien er nur einen Gemütszustand zu kennen, gute Laune. Er zeigte uns stolz sein „Weingut“. Es besteht aus zwei Garagen, in welchen er seine Fässer lagert und mit Gästen Verkostungen durchführt.

Die Musikboxen in den Ecken erfüllten den Raum mit sanften Elektrobeats. Man sagt ja, dass man seinem Baby während der Schwangerschaft klassische Musik vorspielen soll, das soll sie intelligenter machen. Ob Kris denkt, dass diese Beats eine ähnliche Wirkung auf seinen Wein haben? Zuzutrauen wäre es ihm.

Kris führte uns herum und erzählte ein paar Anekdoten aus seiner Vergangenheit. Er kommt eigentlich aus Australien, hat aber auch eine Zeit lang in Berlin gelebt. Und was macht ein vernünftiger Punk in Berlin? Richtig, er besetzt mit Gleichgesinnten Häuser und demonstriert gegen den Kapitalismus. Paradox, dass er nun ausgerechnet Wein macht. Ein Getränk, dem diverse Klischees nachsagen, dass es den Schönen und Reichen vorbehalten ist.

Kris und seine Gefährten taten sich zu Beginn von Collectif Anonyme tatsächlich schwer, den Wein gewinnbringend zu verkaufen. Sie hätten ihn am Liebsten verschenkt oder zu Selbstkosten an die engsten Bekannten weitergegeben. Nur hätte das Weingut dann nicht lange überlebt, eine klassische Zwickmühle, die durchaus auch mal zu internen Reibereien geführt hat.

Als ich Kris so zuhörte und diese tiefe Zufriedenheit und das pure Glück in seinen Augen sah, wunderte ich mich nicht, warum ausgerechnet er als letzter Mohikaner Collectif Anonyme weiterführt. Auch wenn seine Leidenschaft zum Wein verhältnismäßig jung ist, lebt er mit dem eigenen Weingut den persönlichen Traum. Das spürt man in jedem Augenblick, den man mit ihm verbringt.
Es machte einfach Spaß Kris zuzuhören und sich das, was er da mitaufgebaut hat, anzuschauen. Sowohl sein Lebenslauf als auch die verrückten Dinge, die er mit Collectif Anonyme so treibt, sorgten für reichlich Lacher oder blankes Staunen.

Ein Fahrrad als Weinpresse

Ein kleines Highlight bei der Führung durch die Garagen war für mich ganz klar die Fahrradpresse. Noch nie gehört? Kein Wunder, ist ja auch ein Einzelstück und genauso einzigartig wie sein Besitzer.
Kris hat mit ein paar Kumpels eine Presse gebaut, die an ein Fahrrad angedockt ist. Um die Presse zum Laufen zu bringen, muss gestrampelt werden, ein bisschen wie in den Zeichentrinkfilmen aus meiner Kindheit, herrlich. Ich scherzte mit Kris, er solle mit der Presse doch Geld verdienen und es den Touristen als Fitnessprogramm verkaufen.

Nach der Führung ging es dann ans Eingemachte, wir konnten endlich verkosten. Da die Weine von Collectif Anonyme nahezu komplett ausverkauft sind, haben wir das Meiste direkt aus den Fässern probiert.

Als erstes durften wir eine Weißweincuvée aus Grenache Gris und Grenache Blanc probieren. Ich ging davon aus, dass er noch ziemlich verschlossen sei, aber Fehlanzeige. Er war kurz vor der Abfüllung schon super zugänglich und ging runter wie Öl. Ein perfekter Einstand, aber leider ausverkauft. Ansonsten hätte ich hiervon definitiv eine Kiste eingepackt.

Nach einem kurzen Abstecher zu einem Rosé , der auch richtig gut war, haben wir uns dann dem Steckenpferd von Collectif Anonyme zugewandt, dem Rotwein. Die Rotweine werden aus den Trauben Mourvèdre, Grenache Noir, Syrah und Carignan gekeltert. Teils reinsortig, teils cuvéetiert.

Durch die Bank hatten alle Rotweine mächtig Dampf unterm Kessel . 15-16% Alkohol sind hier keine Seltenheit, sondern die Regel. Eigentlich bin ich ja kein Freund von solch schweren Weinen, doch diese Exemplare sind trotz ihrer Masse super angenehm zu trinken. Es wird kaum Holz beim Ausbau verwenden, was die Weine sanftmütig und deutlich leichter wirken lässt.
Zudem sind sie schön cremig und rund. Sie legen sich butterweich auf die Zunge und breiten dort ihre tiefdunklen Aromen aus. Diese Weine machen einfach Spaß.

Collectif Anonyme Weingut in Südfrankreich

Als ich Kris darauf ansprach und ihm ein gut gemeintes Kompliment machte, grinste er mich spitzbübig an und musste lachen. Denn ursprünglich wollte er immer kontroverse Weine machen, die vom Charakter und Geschmack eine glasklare Message rüberbringen: FUCK YOU! Er wollte gegen den Strom schwimmen und seine Weine sollten so sein wie er.
Irgendwann fiel ihm dann auf, dass er eigentlich Weine macht, die geschmacklich nicht nur massentauglich sind sondern von der Masse regelrecht geliebt werden. Für ihn ist es in Ordnung, schließlich weiß er, dass das Leben einen immer in die richtige Richtung treibt, sofern man darauf vertraut.

Und ganz ehrlich, ich glaube Kris hat sein Ziel erreicht. Seine Weine sind genau wie er, ein schroffes Erscheinungsbild mit verrückten Etiketten, die auf Krawall aus zu sein scheinen. Tief im Inneren verbirgt sich jedoch eine sanfte Seele, mit der man lustige Abende am Lagerfeuer verbringen will.

Ich konnte nicht anders und habe von den Weinen, die noch auf Lager waren, ein paar Flaschen eingepackt. Der Mouton Noir hat es mir besonders angetan und ich war froh, dass er bereits abgefüllt war. Auch Christian, mein Weindealer, hat sich den Kofferraum damit vollgepackt.

Wer den Mouton Noir mal probieren möchte, schreibt ihm am besten eine kurze Mail. Nach langem gut zureden hat Christian zugesagt, ein paar seiner Flaschen für 16.90€ je Stück abzugeben.
Wer neugierig ist sollte aber nicht lange zögern, der Bestand ist sehr begrenzt.

Danke Christian für diesen Geheimtipp, Collectif Anonyme wäre mir ohne dich verborgen geblieben. Ich hoffe, dass es insbesondere der Mouton Noir dauerhaft in das Sortiment von DEALER DE VIN schafft.

 

Corkbordell Balazs Autor: Balazs

Profil

aktueller Alltagswein: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
aktueller Lieblingswinzer: Weingut Jülg / Pfalz

Weintipps von Balazs

 

Schreibe einen Kommentar

*