Muss es denn immer das Grosse Gewächs sein? – am Beispiel von Heymann-Löwenstein

Heymann Löswenstein GG Rötggen Riesling

Wenn ich Lust auf vernünftiges Ballett habe, stehe ich des Öfteren vor einer schwierigen Entscheidung. Muss es denn immer der ‚gross e‘ Wein des Erzeugers sein, oder ist die zweite Geige im Zweifel ausreichend? Als Fallbeispiel für das Kosten-Genuss Dilemma habe ich mich für das VDP Weingut Heymann-Löwenstein aus Winningen entschieden. Winningen ist ein kleiner Ort in unmittelbarer Nähe zu Koblenz und zählt zum Weinanbaugebiet Mosel.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum den Basiswein, respektive Gutswein mit der Grossen Lage zu vernichten. Dahinter stecken zwei völlig verschiedene Weinphilosophien mit unterschiedlichen Zielgruppen. Vielmehr stellt sich für mich häufig die Frage nach dem Unterschied im Premiumweinsegment. Reicht die Erste Lage im Vergleich zur Grossen Lage aus? Ist der Preisunterschied gerechtfertigt? Kurzum: lohnt die Investition in eine Grosse Lage?

Als ich ein wenig auf der Homepage der Heymann-Löwensteins gestöbert habe, war ich doch höchst überrascht, dass ich nur Weine aus Grossen Lagen gefunden habe und nur einen (!) weiteren ohne VDP Klassifikation. Was ist denn da los?

VDP Klassifizierung
Quelle: VDP.de

Erste Lage brauchen wir nicht.

Nach einem kurzen Telefonat war ich dank einer hilfreichen Mitarbeiterin von Heymann-Löwenstein schlauer. Der Regionalverband VDP Mosel hat sich offenbar gedacht: ‚Wir sind so geil an der Mosel, bei uns gibt’s keine Erste Lage mehr und wir schmeißen die Klassifikation Erste Lage raus.‘ Somit gibt es dort nur eine dreistufige Pyramide: Gutswein – Ortswein – Grosse Lage. Andere Winzer würden sich vermutlich die Finger nach nur einer einzigen Ersten Lage lecken, aber gut, die Moselaner spinnen halt – im positiven Sinne.

Jetzt sind die Lagen bei Heymann-Löwenstein offenbar so gut, dass es dort weder Gutsweine noch Ortsweine gibt. Dennoch wollten sie wohl zumindest einen Einstiegswein anbieten können, sodass sie ihre Ersten Rieslinglagen zu einem Lagenverschnitt cuvéetiert und daraus den Riesling Schieferterrassen kreiert haben. Da es an der Mosel keine Erste Lage mehr gibt, ist der Wein folglich offiziell unklassifiziert.

Heymann Löswenstein GG Rötggen Riesling

Ebendieser Riesling Schieferterrassen muss es mit einem grossen Gewächs aufnehmen. Hierbei habe ich mich für den Röttgen 2011 Riesling entschieden, der übrigens im völlig unscheinbaren Kleid daherkommt. Nichts weist auf die Große Lage hin, mit Ausnahme einer kleinen 1 mit stilisierten Weintrauben auf der Front. Ich beginne mit den Schieferterrassen.

Nachdem ich den Riesling eingeschenkt und kräftig geschwenkt habe, beginnt die Verkostung mit einer Überraschung: Riesling kann noch mehr, als nur frische Zitrusnoten versprühen. Die Nase erschreckt fast dank tropischer Früchte, unzähligen Mineralien mit einer Idee Altöl. Schon allein dieses Parfum dürfte dafür zuständig sein, dass die steilen Schieferterrassen an der Mosel Weltruhm erlangt haben.
Ich musste nur ein Mal probieren, um meinem Gaumen Glauben zu schenken: im Grunde kann ich fast mein gesamtes Riesling Sortiment direkt in die Tonne kloppen. Ausnahmslos alle Eindrücke der Nase finden sich im Mund wieder und das mit einer Wucht, die ihresgleichen sucht.

Der Vergleich zum ebenfalls hervorragenden Mineral Riesling von Emrich-Schönleber drängt sich mir auf. Dieser ist ein gutes Stück zurückhaltender, aber keineswegs schlechter. Dem Balazs würde ich es in etwa so erklären: Der Mineral ist ein Meister der Balance, wogegen ihr bei den Schieferterrassen die volle Intensivrieslingdrönung bekommt.

Preis: ca. 16,90 EUR
Land: Deutschland
Region: Mosel
Rebsorte: Riesling
passender Anlass: Familie beeindrucken
passende Mahlzeit: Fisch, helles Fleisch, Salat

9hervorragend

 

Kommen wir zum Grossen Gewächs. Röttgen, allein der Name ist schon eine Institution an der Mosel. Eine klassische Weinrezension ist hier fehl am Platzee. Wer bisher Riesling beim Durchschnittswinzer getrunken hat und danach das Zeug probiert, wird sich in der Gruppe der Erleuchteten wiederfinden, kein Witz. Wenn es eine Weinbibel gäbe, wäre der Röttgen eine der Offenbarungen des Apostels Bacchus. Nehmt alles, was ich oben zu den Schieferterrassen geschrieben habe zur dritten Potenz und ihr könnt allenfalls erahnen wohin die Reise geht. Dazu gesellen sich Rauch und Kaffeearomen, wie ich sie eigentlich nur von Rotwein kenne. Wahnsinnig ist die Schlagkraft und gleichzeitige Verführung, mit der sich der Tropfen im Mund breitmacht. Guido Westerwelle sprach 2010 von spätrömischer Dekadenz. Man munkelt, dass er den Röttgen meinte.

 

Preis: ca. 22,90 EUR
Land: Deutschland
Region: Mosel
Rebsorte: Riesling
passender Anlass: Familie beeindrucken
passende Mahlzeit: Fisch, helles Fleisch, Salat

10brilliant

 

 

Grosses Gewächs oder Erste Lage?

Preis- Genusskurve Balazs

Balazs, so ungern ich ihn zitiere, formulierte kürzlich eine höchst interessante These: er glaubt, dass das Preis-Genussverhältnis bei Flaschen im Wert von 20-30€ für den Verbraucher am besten ist. Demnach wird die Genusskurve bei linear ansteigendem Preis immer flacher.

 

Beide Weine gibt es übrigens bei unseren Freunden von dealer de vin.

 

Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

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