Wie schmeckt mir mein Lieblingswein aus dem Supermarkt von damals?

Wie schmeckt Corsaire Reserve du President

Nach 2 Jahren als Weinnerd will ich es nun wissen. Wie schmeckt mir mein Lieblingswein aus dem Supermarkt von damals?

Ihr werdet es euch schon gedacht haben, ich bin nicht als Weinfreak auf die Welt gekommen. Nein, ganz im Gegenteil, bis vor kurzem hatte ich davon noch gar keine Ahnung. Alex würde wahrscheinlich sagen, ich habe sie immer noch nicht. Das liegt jedoch an seinem Neid auf meine in kürzester Zeit erlangten Kompetenzen im Weinuniversum.

In der Vergangenheit habe ich meinen Wein, wie die meisten Deutschen, immer im Supermarkt gekauft. Oft stand ich hilflos vor der gefühlt unendlich großen Auswahl an Weinen mir nichtssagende Etiketten lachten mich an und ich habe nach dem Prinzip Zufall zugegriffen. Nicht selten war es ein Griff ins Klo. Umso erleichterter war ich, als ich irgendwann einen Rotwein aus dem Regal erwischt habe, den ich ziemlich gut fand.

„Corsaire Réserve du Président“. Ein Rotwein aus Korsika, das gehört ja irgendwie zu Frankreich und auf dem Etikett steht „Président“, das hat mich damals sicherlich beeindruckt. Eine Flasche davon kostet aktuell 5,49€. Bedenkt man, dass in 2016 der Durchschnittspreis für eine Flasche Supermarktwein bei unter 2,50€ lag, ist das wahrlich kein Schnäppchen. Klar, steht ja auch „Président“ drauf.

Ich habe den Wein damals als sehr kräftig und vollmundig wahrgenommen, eher schwer und nichts für Weicheier. Wie die Korsen halt sind, schroff und ungestüm, so war auch dieser Wein und irgendwie gefiel es mir.

Seit knapp zwei Jahren, ich mich tiefer mit der Materie beschäftigt habe, gab es bei mir keinen Supermarktwein mehr. Ich komme inzwischen durch Besuche bei Weingütern, Verkostungsveranstaltungen, Weinmessen und persönlichen Empfehlungen an die Weine, die ich so trinke. Ich muss gestehen, dass ich mich auch ziemlich schnell in die „unvernünftigen“ Preisregionen des Weingenusses begeben habe. Alex und ich haben uns zum Beispiel mal für unsere Arbeit an CorkBordell mit einem 130€ Pinot Noir aus dem Burgund belohnt. Natürlich sind das eher Ausnahmen, aber Weine im 10-20€ Segment habe ich schon regelmäßig im Glas.

Nachdem ich mich also Schritt für Schritt in der Qualitätspyramide hochgetrunken habe, wage ich nun das umgekehrte Experiment und sitze mit meinem damaligen Lieblingswein aus dem Supermarkt am Tisch. Ich bin auf alles vorbereitet. Auf den besten Fall, er schmeckt mir weiterhin super, aber auch auf dem schlimmsten Fall, ich spucke ihn direkt wieder aus.

Ich schenke mir ein Glas ein und bin beruhigt. Die ganze Weintrinkerei scheint meine Erinnerungen nicht gänzlich gelöscht zu haben. Die Farbe des Corsaire Réserve du Président ist genauso dunkelrot, wie ich sie noch vor meinem geistigen Auge habe. Es ist ein glänzendes, schimmerndes Rot, undwirkt irgendwie sehr sauber.

Meine Neugier steigt, ich halte die Nase ins Glas und dann…. Ernüchterung. Das ist ziemlich lasch, was mir da entgegenkommt. Ein bisschen Kirschbonbon, aber viel mehr ist da nicht. Ob es geschmacklich anders ist? Ich wage es zu bezweifeln, setze aber zum ersten Schluck an.

Corsaire Reserve du President

Der Eindruck aus der Nase bestätigt sich im Mund. Ich schmecke das Kirschbonbon, an dem ich eben noch gerochen habe. Es ist so, als würde ich den Wein durch einen Filter trinken, fast schon als ginge bei dem Weg vom Glas in den Mund etwas verloren. Als hätte jemand den Wein mit Wasser verdünnt. Der Wein ist sehr weich, um nicht zu sagen weichgespült. Säure ist nicht vorhanden, er kitzelt nicht am Gaumen.Hier ist nichts von dem, was ich in meinen Weinbeschreibungen sonst so erwähne.

Der Geschmack des Weins verschwindet, sobald ich ihn runterschlucke. Es bleiben keine Aromen am Gaumen, an welchen mich noch etwas erfreuen kann. Schade.

Am erstaunlichsten finde ich, dass der Wein, den ich vor zwei Jahren noch als mega kräftig und vollmundig empfunden habe, nun so lasch auf mich wirkt. Das macht ihn zwar zugänglicher für die breite Masse, für den fortgeschrittenen Weintrinker jedoch uninteressant.

Aber sind wir mal ganz ehrlich, genau darum geht es doch bei den meisten Weinen aus dem Supermarkt. Insbesondere bei denen, die 5 Euro oder weniger kosten. Sie sollen nicht ultra komplex sein, nein, sie sollen einem breiten Publikum schmecken und das schafft der Corsaire Réserve du Président allemal.

Zusatzinfo:
Ich hatte das Weingut, dass hinter dem Corsaire Réserve du Président steckt, übrigens auch schon besucht und sage euch mit reinem Gewissen, dass sie durchaus gute Weine machen können. Schaut euch einfach mal meinen Bericht zu Weinen aus Korsika an.

Corkbordell Balazs Autor: Balazs

Profil

aktueller Alltagswein: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
aktueller Lieblingswinzer: Weingut Jülg / Pfalz

Weintipps von Balazs

 

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