Der Fall Moritz H. – Teil 1

Praktikumsbericht von Alexander B.

Tja, nun ist es leider vorbei, mein Praktikum bei M. Haidle. Ach, nennen wir ihn doch lieber Moritz H., das klingt besser. Mit ein bisschen Abstand möchte ich Revue passieren lassen, was ich dort erlebt habe, welche Erkenntnisse ich gewinnen konnte und vor allem wie ich den Württemberger Wein empfinde. Ein paar Eindrücke konntet ihr sicher bereits im Vlog sammeln, hier möchte ich jetzt im Detail auf das Württemberger VDP Weingut Karl Haidle aus Kernen (OT Stetten) im Remstal eingehen.

Im kulturwissenschaftlichen Teil meiner Ausbildung lernte ich, dass Vorurteile und Schubladendenken eine der Hauptursachen für Probleme der interkulturellen Kommunikation sind.
Moment Mal, der Spinner kommt aus der Pfalz und arbeitet eigentlich nur 150km weiter südlich im Remstal, was schwafelt er von interkultureller Kommunikation? Glaubt mir, für einen Pfälzer ist das wie eine Reise nach Timbuktu, meine Lieben.

Jetzt war ich der Meinung, relativ frei von kulturellen Vorurteilen in Deutschland zu sein – doch ich war es nicht. Ein Kumpel von mir studierte in Stuttgart und Tübingen, so kam ich einige Male in die Gegend. Das Ergebnis war ernüchternd. Ich mochte vor allem Stuttgart nicht, die Leute schienen mir alle so… grimmig.

Nachdem ich einige Male mit Moritz Haidle (verdammt, jetzt habe ich den Namen doch verraten) telefoniert hatte, wollte ich trotzdem wissen, was in Württemberg so abgeht. Alles klang total locker und entspannt, doch das Vorurteil war allgegenwärtig: was, wenn sie dort alle griesgrämig sind und mich versklaven wollen? Das klingt überspitzt, aber ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich mir vorstellen kann, dort mehrere Monate zu wohnen.

Mortiz Haidle und Alex vom CorkBordell

Nachdem meine Entscheidung offensichtlich zugunsten des Praktikums bei Moritz gefallen war, begann ich mit der Gewissheit und der unsäglichen Freude endlich den Traum meines Jobs auf einem Weingut realisiert zu haben. Allerdings musste ich zunächst lernen, was es bedeutet, in einem Familienbetrieb zu arbeiten. Hier gilt es die innerweingutliche politische Lage einzuschätzen.

Auf der einen Seite gibt es natürlich den operativen Bereich. Das sind diejenigen Mitarbeiter, die sich um das Wohl der Trauben und des Weins kümmern, demzufolge sind sie drinnen im Weinkeller oder draußen im Weinberg (schwäbisch: „Wengert“) anzufinden. Letzterer wird von Werner betreut, der mich mit seinem schier unerschöpflichem Wissen rund um die „Pflanze Wein“wirklich nachhaltig beeindruckt hat.

Den Keller managt Moritz persönlich, hier lässt sich der Chef nicht lumpen. Was mir sehr gut gefallen hat, war die Rolle unseres Senior Chefs Hans Haidle (eigentlich Rentner), der den ganzen Tag im Weingut rumhüpft und diverse Aufgaben erledigt, die er offenbar nie richtig abgegeben hat. Der Mann ist über 70 und hat offenbar immer noch nicht genug.

Neben dem operativen Geschäft gibt es natürlich noch eine Verwaltung, die von Susanne (Moritz‘ Mutter) und Bärbel (der ältesten Schwester) organisiert wird. Auch hier hatte Moritz seine Finger im Spiel, aber ich würde seine Rolle als Controller sehen. Im Laufe des Arbeitstages bin ich gern auf kurze Stippvisite ins Büro gegangen, dort gab es immer Kleinigkeiten zu knabbern (Grissini!), aber vor allem hatte ich die Damen auch einfach ins Herz geschlossen. Soviel zu den grimmigen Stuttgartern.

Meine Aufgabe als ungelernter Quereinstiegs-Praktikant war es, Moritz und die anderen Mitarbeiter im Weinkeller zu unterstützen. Klingt professionell, oder? Naja, im Grunde hatte ich die Rolle des persönlichen Sklaven für Moritz inne (ich wurde gelegentlich „Bitch!“ gerufen). Tatsächlich war aber genau das mein Wunsch: möglichst nah an allen kritischen Entscheidungen dabei zu sein und live mitzuerleben, was es heißt, ein Weingut zu führen.

Praktikum im VDP Weingut Haidle Württemberg

Ich war zuvor in verschiedenen Großkonzernen beschäftigt, aber innerhalb der Arbeitszeit habe ich wirklich noch nie so viel gearbeitet wie bei Haidles. Es ist Anfang Dezember 2017. Um halb acht zerrt Werner mich bei -3°C hinaus in den Weinberg, um den zu Granit gefrorenen Boden zu hacken – „Da werd‘s warm!“, verkündet er mit seinem üblichen Grinsen. Unrecht hatte er nicht, denn es sollte die Vorbereitung fürs Rebenschneiden sein und dabei ist es bestialisch kalt. Schlechte Kleidung, kaum Bewegung und die Monotonie des Schneidens führten bei mir zu einer Art Dauerwinterstarre mit Erfrierungen an Fingern und Zehen. Wie macht der Mann das jeden Tag?
Nachdem ich die minütlich herbeigesehnte Mittagspause in der warmen Dusche verbrachte, hoffte ich auf einen entspannten Nachmittag. Weit gefehlt.

Moritz ist auf 180 und springt im Dreieck, da mal wieder ein Mitarbeiter (evtl ich?) den Keller nicht ordnungsgemäß verlassen hat, dabei soll es doch sauber und ordentlich sein! Bei schlechter Laune verteilt er immer die schönsten Arbeiten: in ein paar Fässer reinkriechen und diese ausschrubben, einige Tanks mit Lauge und Säure putzen und den Boden mal wieder auf Vordermann bringen. Ich möchte die Uhr am liebsten drei Stunden vorstellen.

Wo Schatten ist, dort gibt es aber auch Licht. Nicht nur einmal sende ich um 9.00 Uhr morgens ein Bild an Balazs und behaupte vollster Überzeugung, dass ich den besten Job der Welt habe. Die Sonne strahlt mit mir um die Wette, während ich im leichten Pulli die Reben stutze und mit den Kollegen ein wenig herumblödele. In diesem Moment werde ich für alle Strapazen belohnt: so stelle ich mir Weinbergromantik vor.
Am Nachmittag geht‘s zu Moritz in den Keller und wir probieren alle Fässer und Tanks einmal durch. Eigentlich habe ich dabei gar nichts zu melden, aber spannend ist es trotzdem. Moritz gibt meist einen Kommentar zum Zustand des Weins ab und das schult den Gaumen. Ein ums andere Mal erging es mir so, dass ich etwas Neues zum Thema Wein lernen durfte und allein dafür hat sich die investierte Zeit gelohnt. Danke für diese tolle Erfahrung.

Wie Moritz Weine schmecken, das lest ihr nächstes Mal in Der Fall Moritz H. – Teil 2.

 

Foto 05.09.16, 16 27 41 Autor: Alex

Profil
aktueller Alltagswein:
Rot: Jülg Spätburgunder „Kalkmergel“ 2013
Weiss: Weissburgunder Goldkapsel von Ellermann Spiegel
aktueller Lieblingswinzer:
Domaine Ninot, Bourgogne / Ellermann Spiegel, Pfalz

Weintipps von Alex

 

Ein Kommentar bei „Der Fall Moritz H. – Teil 1“

  1. Hallo Alex,
    ganz toll Dein Bericht. Du kannst Schriftsteller werden, so locker und unterhaltsam wie Du schreibst.
    Es war eine schöne Zeit mit dir.
    Freue mich, dass wir uns am Samstag sehen.
    Liebe Grüße Hans

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